Engagiert für eine barrierefreie Werre

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Am 27.7.2017 trafen sich Aktive des BUND Herford und Wassernetz NRW an der Werre nahe des Wehrs Berger Tor in Herford. Die Teilnehmenden berieten sich dort zur Situation und zur weiteren Entwicklung des Flusses. Das Engagement der Ortsgruppe trug dazu bei, dass die ersten Vorbereitungen zum Rückbau des Querbauwerks angelaufen sind. Zusammen setzen sich die Gewässerschützer*innen nun dafür ein, dass das Vorhaben die Qualitätsanforderungen der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) erfüllt und breite Akzeptanz bei Nutzern und der Öffentlichkeit findet.

Wehr und Rückstau als Wanderbarriere

Bei der Werre handelt es sich um einen Nebenlauf der Weser. Als historisches Lachsgewässer fließt sie von Natur aus frei und weist keine größeren Rückstaue auf. Diese barrierefreien Verhältnisse benötigen auch weitere flusstypische Lebensgemeinschaften für ihre Wanderung. Derzeit bestehen zwischen Herford und der etwa 23 km entfernten Mündung in die Weser 13 Querbauwerke. Weitere 7 kommen bis zur Nordsee hinzu. Um die WRRL-Ziele zu erfüllen, müssen diese Standorte seit dem 22.12.2015 ökologisch durchgängig sein.

Der BUND Herford und das Wassernetz NRW nahmen bei ihrer Beratung die 3 m hohe Wehranlage am Berger Tor in Herford in die Betrachtung. Sie stellt eines der größeren Barrieren in der Werre dar. Die Teilnehmenden sahen sich darin bestätigt, dass die derzeitige Fischtreppe nicht ausreicht, um die ökologische Durchgängigkeit im Fluss an der betreffenden Stelle sicher zu stellen. Der max. 0,5 m breiten Vorrichtung fehlt es sichtbar an genügend Strömungsstärke, um von den Fischen als Aufstiegsmöglichkeit aufgefunden und angenommen zu werden. Für oberflächennah wandernde Tiere bieten sich ohnehin keine Einstiegsgelegenheiten an. Auch stellt sich die Frage, inwiefern die Anlage sich als Abstiegshilfe eignet oder am Gewässerboden lebende, wirbellose Tiere (Makrozoobenthos) bei der Wanderung unterstützen kann. Ein weiteres Problem ergibt sich direkt flussaufwärts des Wehres: Ein etwa 2,8 km langer Rückstau trägt dazu bei, dass das Wasser sich zu sehr aufwärmen kann, zu nährstoffreich ist und der Sauerstoff aufgezerrt wird. Für flusstypische Organismen stellen sich dort lebensfeindliche Bedingungen ein.

Entsprechend kritisch fällt die Bestandsaufnahme für den betreffenden Werreabschnitt aus. Wegen der Defizite bei den strömungsliebenden Wasserpflanzen (Makrophyten) weist die Werre einen ökologisch unbefriedigenden Zustand auf. Bzgl. der Fische und des auf strukturelle Eingriffe empfindlich reagierenden Makrozoobenthos werden die WRRL-Ziele ebenfalls nicht erfüllt.

Potenziale vorhanden

Die Teilnehmenden der Beratung konnten trotz aller Defizite feststellen, dass die Werre durchaus noch bzw. wieder ökologische Potenziale im Stadtzentrum aufweist. Hierzu zählt beispielsweise die sich unterhalb des Wehres anschließende Schotterbank. Sie dient als Strömungslenker und schafft damit auch gute Bedingungen für die flutenden Makrophyten, die ebenfalls dort zu beobachten waren. Zudem landete auf der Schotterbank bereits Totholz an, das sich als ein gutes Kleinhabitat für Gewässertiere anbietet. Ebenfalls ließen sich  unweit des Wehres noch unverbaute Uferabschnitte ausmachen. Insofern stellt sich die Frage, ob die offizielle Bewertung des Gewässers als strukturell vollständig verändert noch zutreffend ist.

 

Gewässeraktive regen weitere Maßnahmen an

Der BUND Herford hat durch sein Engagement mit dazu beigetragen, dass zwischenzeitlich Bewegung in die ausstehende Umsetzung der WRRL am Berger Tor gekommen ist.  Die Stadt hat mehrere Varianten zum Rückbau des Wehres prüfen lassen. Bei allen Optionen wird ein leicht abschüssiges Raugerinne angelegt. Mit den meisten Vorhaben ist zudem eine Absenkung des Wasserspiegels im Rückstaubereich verbunden. Die Teilnehmenden des Dialogs haben die verschiedenen Ansätze vor Ort beraten und attestieren den zuständigen Stellen, mit den Vorschlägen einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

Aus Sicht der Flussaktiven sollte allerdings sichergestellt sein, dass über das barrierefreie Gewässerbett ein Großteil des Werre-Wassers fließt. Zum anderen setzen sich die ehrenamtlichen Gewässerschützer*innen dafür ein, dass die flussaufwärts wandernden Tiere sicher und ungestört die ansteigende Strecke passieren können, ebenso wie den folgenden Abschnitt, der sich noch im Rückstau befindet. Zu diesem Zweck müssen Rast- und Rückzugsmöglichkeiten für Fische eingeplant und der Rückstau zumindest in einem Teil des Profils zum Fließen gebracht werden. Bei diesem Ansatz lassen sich zugleich Entwicklungsräume für gewässertypische Wasserpflanzen ausweisen, die zumal Kleinhabitate und Versteckmöglichkeiten für die Wassertiere bieten. Ohnehin müssen die Planer die Situation bei den Makrophyten dringend verbessern, damit die Umweltziele der WRRL im betreffenden Werra-Abschnitt erreicht werden können.

Für den Schutz von Fauna und Flora bedarf es generell Teilbereiche, wo höchstens eine behutsame Nutzung stattfindet und Störungen wie intensive Überfahrungen und Beleuchtung unterbleiben.

 

Ökologische Entwicklung auch der Ufer und Aue

Die Konzepte müssen auch hinsichtlich der Ufergestaltung ökologischen Mindestanforderungen genügen. Mit dem Umsetzungsfahrplan für die Werre wurde 2012 eine naturnahe Entwicklung des betreffenden Abschnittes vereinbart. Es wäre seitens der Gewässeraktiven zumal ein Gewinn für die Stadtbewohner*innen, wenn zugleich Wander-und Lebenskorridore für auentypische Arten entwickelt würden. Die Teilnehmenden des Treffens unterstützen in diesem Zusammenhang ein Angebot, welches Besucher nicht ausschließt, sondern ihnen vielmehr die Vielfalt am Gewässer nahe bringt und erlebbar macht.

Eine Bewusstseinsbildung für die ökologische Entwicklung der Werre bleibt zumal geboten, weil noch nicht alle Nutzergruppen Verständnis für die Ziele des Gewässerschutzes zeigen und in diesem Zusammenhang auch nicht den Rückbau des Wehres unterstützen.

Dass für die Gewässer noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten ist, bestätigt ein Blick auf die  gegenüberliegende Uferseite: Zwischenzeitlich wurde dort eine Fläche mit Wohnhäusern bebaut, obwohl das Areal als Hochwassergefahrengebiet gilt und bis zu 4 Meter hoch überschwemmt werden kann. Der BUND Herford hat in seinen vergangenen Stellungnahmen eindrücklich gemahnt, diese Fläche als Raum für die Gewässer zu belassen. Nun besteht am westlichen Ufer die Chance, es ökologisch besser zu machen.