Hilfe für die Tote Rahm

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 Am 11. April 2017 ermittelten Aktive von NABU Kempen - St. Hubert - Tönisberg und des Wassernetzes NRW die ökologische Situation der Gewässer im FFH-Gebiet Tote Rahm einschließlich im direkten Umfeld. Für die Teilnehmenden zeigte sich, dass die Anforderungen der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) hier noch nicht angekommen sind. Aufgrund der deutlichen strukturellen und hydrologischen Defizite werden nun die Gewässerschützer*innen eine Initiative auf den Weg bringen.

Vielzahl an offenen Fragen und Herausforderungen

Bereits in der Anfahrt zum Schutzgebiet stellten die Teilnehmer der Exkursion mehrere Auffälligkeiten fest. Die Verläufe der Nebengewässer im Einzugsgebiet der EU-berichtspflichtigen Geldener Fleuth sind nicht zutreffend in den offiziellen Karten dargestellt. Dies betrifft beispielweise den Dycksgraben und den Alten Gastendonker Graben, der offensichtlich übererdet und verlegt wurde. Im Zulauf liegt zudem ein Regenrückhaltebecken, der sich ebenfalls in den behördlichen Unterlagen nicht findet. Das zurück gehaltene und an das FFH-Gebiet vorbeigeführte Wasser weist eine Trübung auf, die auf eine Verunreinigung schließen lässt.  Die Gräben sind an den aufgesuchten Stellen zumeist strukturarm, mehr als 1,5 m tief gelegt und führen abschnittsweise wenig Wasser (z.B. Dycksgraben nach Querung der Stendener Straße). Eine Strömung war nicht erkennbar. Darüber hinaus findet eine intensive Landwirtschaft auf mehreren umliegenden Flächen statt. Am Oberlauf des Dycksgraben hat sich das Wasserdargebot deutlich verändert. Während vor ca. 60 Jahren noch eine Wasserführung in dem Gewässer zu beobachten war und das Grundwasser „Spaten-tief“ stand, konnten die Teilnehmenden bei der Exkursion nur ein ausgetrocknetes Grabenbett feststellen. An den Hängen dominiert die ackerbauliche Nutzung.

Handlungsbedarf im Schutzgebiet

Auch innerhalb des Schutzgebietes bestehen Herausforderungen. Der Dycksgraben ist nicht durchgängig Wasser führend. Die Unterhaltung ist nur abschnittsweise und lediglich im Profil extensiviert. Im Einzugsbereich befindet sich die „Möhrken“, ursprünglich ein Moorgebiet mit Kleingewässern. Derzeit ist die Fläche weitgehend verlandet. Nur an zwei Stellen ließen sich noch feuchte Stellen bzw. Kleingewässer nachweisen. Der Bestand an Amphibien und der Schneide hat nach einer vorläufigen Einschätzung abgenommen. Inwiefern der nach der FFH-Richtlinie streng geschützte Kammmolch das Stillgewässer noch benutzt, konnte vor Ort nicht geklärt werden. Für die Teilnehmenden sind weitergehende Untersuchungen zur gewässerökologischen Situation des Areals erforderlich. Das Umfeld des Möhrken ist zum Teil durch standortuntypisches Gehölz bzw. Pflanzen geprägt, der Boden wirkt ausgetrocknet. Das Gebiet wird durch Straßen begrenzt bzw. durchschnitten.

Im Bereich der Toten Rahm, die zum Einzugsgebiet der EU-berichtspflichtigen Landwehr gehört, lassen sich die strukturellen und hydrologischen Defizite ebenfalls bestätigen. Das Gewässer hat nur noch wenig gemein mit einem von Natur aus organisch geprägten Bach. Sein Verlauf ist überwiegend geradlinig. Es erfolgt bis zur Uferlinie hinein – und zum Teil darüber hinaus - eine intensive Mahd. Entgegen der Zielbestimmungen für das FFH-Gebiet wurde im geschützten Erlenbruchwald entlang des Fließgewässers auf Höhe der Großen Toat großflächig gerodet. Durch die veränderten Lichtverhältnisse breitet sich derzeit der japanische Staudenknöterich aus. Angrenzend fällt eine Wohnanlage mit Garten, gewässeruntypisches Gehölz und Teich auf.

In unmittelbarer Nachbarschaft zur Schutzgebietsgrenze finden sich 4 Brunnen, aus denen mehr als 800.000 m³ Wasser gefördert werden. Aus Sicht der Gewässerschützer nehmen diese Entnahmen Einfluss auf den Wasserhaushalt in dem geschützten Lebensraum. So weisen die Aufzeichnungen zu den Flurabständen darauf hin, dass in Abhängigkeit der Fördermengen sich auch der Grundwasserspiegel im FFH-Gebiet ändere.

An keiner der berücksichtigten Grundwassermessstellen lassen sich innerhalb der vergangenen 12 Jahre noch Flurabstände belegen, die unter 0,5 m liegen. In der großen Toat betragen sie zwischen 1,71 m und 2,88 m. Für Feuchtgebietspflanzen sind oberflächennahen Wasserstände von weniger als 0,5 m aber wichtig. Auch wenn der Grundwasserspiegel in der großen Toat zwischen 2000-2016 nicht stetig abgenommen hat, so sind dort doch die kurzzeitigen Schwankungen erheblich, wie etwa 2013 um 60 cm.

Die Abnahme des Wasserstandes entlang der Toten Rahm ließ sich weiter gewässeraufwärts an den „Stelzenwurzeln“ von Schwarzerlen gut erkennen. Nur noch auf der gegenüberliegenden Uferseite finden sich im Erlenbruchwald noch Reste eines Sumpfgebietes.

Eine weitere aktuelle Herausforderung sehen die Gewässeraktiven in der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung angrenzender Flächen (vgl. Foto). Dass Nährstoff-Einträge sich einstellen, haben erste vorläufige Untersuchungen im Oberflächengewässer gezeigt. Hinsichtlich des Grundwassers, der sich zwischen Kempen und Geldern erstreckt, sind laut Behördenangaben Nitrat- und Bleiverunreinigungen festzustellen, die Massnahmen erfordern. Sorge bereitet den Teilnehmenden der Exkursion auch die beabsichtigte Verlegung einer zweiten Erdgaspipeline, die den sensiblen Lebensraum zusätzlich durchschneiden wird und ggf. zur weiteren Entwässerung des Gebietes beiträgt.

Maßnahmen stehen aus

Angesichts der kritischen Veränderungen innerhalb des FFH-Gebietes fragten sich die Teilnehmenden, warum sich in den behördlichen Dokumenten zur WRRL-Umsetzung keine Aussagen finden lassen, die den Handlungsbedarf hinsichtlich des Wasserstandes bestätigen und die Umsetzung von Maßnahmen bis 2018 vorsehen. Selbst für die EU-berichtspflichtige Landwehr, in die die Tote Rahm mündet, sollen Arbeiten des Gewässerschutzes erst bis 2024 vollständig umgesetzt werden, obwohl diese einen ökologisch schlechten Zustand aufweist. Zwischenzeitlich hat auch ein Gutachten des geologischen Landesdienstes Vorschläge zur Verbesserung des Wasserhaushalts in den Gewässern des FFH-Gebietes unterbreitet.

Die Teilnehmenden einigten sich auf eine Initiative, damit die erforderlichen Maßnahmen kurzfristig erfolgen. Hierzu zählen insbesondere die Festlegung von konkreten Zielbestimmungen wie etwa nachprüfbare Anforderungen zum Grundwasserstand, der Ausbau des Messregimes zur Gewässergute, die Ermittlung der Ursachen für die Defizite des Landschaftswasserhaushalts sowie Maßnahmen zur strukturellen Aufwertung und ökologischen Wasserführung der Fließgewässer. Ergänzend wird angestrebt, selbst Arbeiten auf den Weg zu bringen, um die Situation vor Ort zu verbessern. Der NABU Kempen betreut Grundstücke, auf denen Arbeiten zur Aufwertung des Gewässers und der Verbesserung des natürlichen Wasserrückhalts befördert werden können.