Gülleproblematik: Viel Lärm um nichts?

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Die Überdüngung der Gewässer im Raum Soest bietet auch aktuell regen Diskussionsbedarf. Das bewies das gut besuchte Forum, zu dem der BUND Soest  am 10.3.2017 im Rahmen der Wanderausstellung „Lebendige Gewässer“ einlud. Während einige Beitragende die Gülleproblematik weiterhin als vermeintlichen Messfehler auffassen oder aus anderen Gründen diese Verunreinigungen als weniger relevant betrachten, signalisierten auch Teilnehmende aus der Landwirtschaft durchaus die Bereitschaft, zusammen mit den Naturschutz-Aktiven für den Gewässerschutz zu handeln.

Öffentlich verfügbare Daten zeigen weiteren Handlungsbedarf auf

In einem Impulsbeitrag des Wassernetzes konnten die Teilnehmenden erfahren, dass die Situation der Gewässer im Kreisgebiet weiterhin vielerorts angespannt ist. Die Mehrheit der EU-berichtspflichtigen Bäche und Flüsse verfehlen die biologischen Qualitätsanforderungen der EG-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL). Ihre Vorgaben waren generell bis zum 22.12.2015 zu erfüllen.

Die verfügbaren Überwachungsbefunde lenken die Aufmerksamkeit auf Stoffe, die die Überdüngung der Gewässer anzeigen und für die nach den aktuellen Vorschriften weitergehende Maßnahmen vorzunehmen sind. Hierzu zählt auch die Anlage von 10 m breiten Randstreifen. Beispielsweise findet sich in rund 40% der untersuchten Bach- und Flussstrecken zu viel Gesamtphosphat-Phosphor. Wichtigste Verunreinigungsquellen sind Einleitungen aus Kläranlagen und Abschwemmung im landwirtschaftlichen Bereich.

Die Mehrheit der Grundwässer im Kreis verfehlen die Umweltziele aufgrund von Überschreitungen an Nitrat und/ oder Ammonium-Stickstoff. In zwei Grundwasserkörpern nehmen die betreffenden Verunreinigungen weiter zu. Bis zum Jahr 2021 werden wahrscheinlich 3 weitere Gewässer im Untergrund den guten Zustand verfehlen, wenn die Überdüngung bis 2018 nicht konsequenter angegangen wird. Davon betroffen sind auch die Grundwasserkörper unter Soest und Warstein. Innerhalb von mindestens 3 Trinkwasserschutzgebieten bleibt die Nitratkonzentration auf einem Niveau, welches grundsätzlich weitere Maßnahmen des Gewässerschutzes erfordert. Wenig ergiebig sind die Informationen zur Situation der grundwasserabhängigen Lebensräume. Inwiefern konkret eine Belastung der Nährstoff-empfindlichen Natura 2000- und Naturschutzgebiete besteht, erfordert zunächst die Offenlage der betreffenden Hintergrundinformationen. Bei mindestens 5 der im Kreis befindlichen Habitate ist anhand der verfügbaren Informationen nicht auszuschließen, dass Verunreinigungen vorliegen.

Mit der Fortschreibung der WRRL-Maßnahmenplanungen sind seit dem Jahr 2015 auch für viele betroffene Gewässer im Kreisgebiet  zusätzliche Maßnahmen gegen Nährstoffeinträge festgelegt. Allerdings finden nicht innerhalb aller Belastungsbereiche Aktionen gegen Abschwemmungen statt. Die Glenne sei hier als ein Beispiel erwähnt.  Es bleibt zudem offen, ob die Behörden Kleinstgewässer und Naturschutzgebiete vor der Überdüngung schützen. Wer darüber hinaus wissen möchte, was wo an den beplanten Gewässern bis zum Jahr 2018 konkret gegen Einträge getan wird, der muss bis auf weiteres sich gedulden. Die Detailplanungen in der Landwirtschaft erfolgen wie ihre Umsetzung ohne Öffentlichkeitsbeteiligung.

Bedenken gegen Messungen – eine im Kreis sich drehende Diskussion?

Nach dem Impulsbeitrag schloss sich eine intensive Diskussion zwischen dem Publikum und den Vertreter*innen der Bezirksregierung Arnsberg, Kreis Soest, Landwirtschaftskammer NRW, Kreisbauernverband, Ökolandbau und den Naturschutzverbänden an.

Entsprechend der großen Zahl an Teilnehmenden aus der Landwirtschaft fokussierte sich der Meinungsaustausch auf folgende Fragen:

  • Sind die Befunde repräsentativ oder muss das Messnetz ausgebaut bzw. überarbeitet werden?
  • Handelt es sich bei den vorgestellten Messergebnissen um veraltete Daten, die mit der gegenwärtigen Realität nicht mehr übereinstimmen?
  • Gibt es folglich überhaupt eine Gülleproblem im Kreis Soest und lassen sich die Maßnahmen in der Landwirtschaft so leicht überprüfbar umsetzen?

Die Diskussion ist nicht neu. Vertreter*innen der Landwirtschaft brachten bereits zuvor immer wieder Bedenken gegen die Aussage ein, dass die derzeit praktizierte Wirtschaftsweise auf Feld und Weide zur Überdüngung der Gewässer beitrage. So etwa  2014, als die Bezirksregierung Arnsberg Behörden und Verbände zur Fortschreibung der WRRL-Maßnahmenplanungen einlud.  Messstellen, die landwirtschaftliche Nutzungseinflüsse aufzeigen sollten, standen unter der Kritik, wenig aussagekräftig zu sein. Sei es, weil diese sich beispielsweise in Nähe  eines Hundezwingers oder einer Autobahnraststätte befinden. Eine konkrete Verortung der Fälle, Belege und konstruktive Lösungsvorschläge zur Hebung der Transparenz in dieser Frage stehen seitdem aus. Zumindest fehlen hierzu der allgemeinen Öffentlichkeit und den Naturschutzverbänden nähere Informationen.

Der gleiche Eindruck ergab sich auch während der Diskussion in Soest. Zu den vorgestellten Befunden wurde grundsätzlich entgegnet, dass die Messstellen im Kreis nicht repräsentativ seien. Die Monitoringstationen würden für ein zu großes Einzugsgebiet eingesetzt oder nicht unbedingt auf einer landwirtschaftlichen Fläche verortet sein. Zudem stünden die Ergebnisse auch nicht im Einklang mit aktuelleren Daten, wie sie Vertreter*innen der Landwirtschaft für einzelne Standorte vorliegen. Demnach bestätigen die jüngsten Befunde dort eine günstigere Gewässersituation als es die zuvor vorgestellten, "älteren" Daten annehmen lassen.

Ob die Lage an ausgewählten Messstellen im Kreis Soest wie vorgetragen sich aktuell tatsächlich verbessert habe, ließ sich ad hoc nicht bestätigen. Angesichts der im Kreis befindlichen knapp 50 Überwachungsstellen für die Grundwassergüte war es zumindest für Aktive der Naturschutzverbände nicht möglich, direkt eine Antwort zu geben. Es liegen zumal nicht für alle relevanten Standorte Befunde aus den Jahren 2015 und 2016 öffentlich vor. Zum anderen haben diejenigen Landwirte, die auf eine Verbesserung der Gewässersituation bei ihnen vor Ort hinwiesen und folglich die Notwendigkeit weiterer Umweltauflagen  in Frage stellten, keine Messprotokolle vorlegen können, welche ihre Aussage belastbar bezeugten. Generell stellt sich ohnehin die Frage, was die einzelnen Messergebnisse für eine Aussagekraft haben, wenn bei Grundwasserkörpern auch immer geprüft werden muss, wie sich die Nitratbelastung innerhalb eines Zeitraums von 6 und mehr Jahren verändert. Mit einer aktualisierten behördlichen Bewertung wird frühestens 2018/2019 zu rechnen sein. Insofern ist daher auch die umfassende Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2013 noch grundlegend für die Umsetzung von Maßnahmen des Gewässerschutzes.

In einer Nachbereitung der Diskussionsveranstaltung ließ sich die Information bergen, dass an vielen Messorten auch weiterhin die Situation angespannt bleibt, zumindest kein eindeutiger Trend sich hin zu einer Verbesserung zeigt. Davon betroffen sind insbesondere Flächen unter landwirtschaftlichem Nutzungseinfluss. Beispielsweise sei hier die Situation innerhalb oder in Nähe der Trinkwasserschutzgebiete in Rüthen oder Erwitte genannt, wo sich im Jahr 2016 Konzentration von bis zu 70 mg Nitrat je Liter Grundwasser nachweisen liessen (vgl. Nitrat-Funde an einzelnen Messorten im Kreis Soest). Einen noch höheren Wert haben die zuständigen Behörden an einer Messstelle zwischen Bad Sassendorf und Geseke gemessen, wo sie im Jahr 2015 eine Nitratkonzentration von 96 mg/l feststellten.

Klärende Auskunft von den zuständigen Stellen blieb aus

Den aufmerksamen Teilnehmenden fiel auf, dass die Vertreter*innen der regionalen Behörden und der Landwirtschaftskammer allenfalls verhaltende Impulse setzten, um zur Transparenz beizutragen und die zeitweise verfahrene Situation konstruktiv zu lösen. So mangelte es an der Entschlossenheit, der Kritik zum Messregime zu entgegnen. Selbst, nachdem aus dem Publikum gezielt um eine Auskunft gebeten wurde, blieb eine klärende Antwort aus. Vielmehr wurde der Standpunkt vorgetragen, dass für die WRRL-Umsetzung im Kreis Soest andere Belastungen und Verursacher in den Blick zu nehmen seien als den Beitrag gewässerunverträglicher landwirtschaftlicher Betriebsweisen zu viel Gewicht beizumessen.

Zur Frage, ob der für den Kreis Soest ermittelte Nährstoffüberschuss durch Einschränkung des Gülletourismus oder durch Abbau der Viehdichten nicht weiter reduziert werden müsse, erhielten die Teilnehmenden die Antwort, dass pauschale Obergrenzen nicht ermittelbar und derzeitige Modellierungen zur regionalen N-Minderung zu hinterfragen seien. Wünschenswert wäre gewesen, konkrete Daten dazu zu erfahren, was die seit 2009 eingerichtete Beratung zur Optimierung der Landwirtschaft nachprüfbar für den Gewässerschutz geleistet habe. Darüber hinaus blieb offen, inwiefern die bisher durchgeführten Betriebskontrollen die Gewässerverträglichkeit der untersuchten Höfe attestierten. Deutlich wurde nur, dass die Mehrheit der an der Diskussion teilnehmenden Landwirte geprüft wurde.

Angesichts der umfangreichen und durch die öffentliche Hand finanzierten Beratungsmaßnahmen in der Landwirtschaft stellte sich erneut die Frage, warum auch 2017 Zweifel bei einigen Hofbetreiber*innen bestehen, dass zu viel Gülle im Umlauf ist und den Gewässern schade.

Konstruktive Ansätze durchaus vorhanden

Die Veranstaltung brachte eine wichtige neue Erkenntnis mit sich: In das Dunkel dringt Licht. Während und nach der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass auch Landwirte weiteren Handlungsbedarf für den Gewässerschutz sehen. Entsprechend positiv nahmen viele Teilnehmende den Vorschlag auf, den Dialog zum Thema fortzuführen. Hier sei angemerkt, dass diese Initiative gerade durch einen couragierten Beitrag eines konventionell wirtschaftenden Hofbetreibers Zuspruch fand. Anvisiert sind Hofgespräche zur Minderung von Nährstoffeinträgen, Betriebsbesichtigungen sowie die gemeinsame Teilnahme an Grundwassermessungen, um offen gebliebene Fragen zu klären.