Bericht: Naturschutztag auf dem Rhein 2016

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Am 19.10.2016 trafen sich lokal bis bundesweit engagierte Rheinaktive der Naturschutzverbände BUND, BBU und NABU in Bonn, um zusammen mit der Bundeswasserstraßenverwaltung ausgewählte Flussabschnitte per Schiff zu bereisen und sich während der Exkursion zu aktuellen Fragen des Gewässermanagements fachlich auszutauschen. Zu dieser außerordentlichen Themensitzung in der Veranstaltungsreihe "Naturschutztage am Rhein" lud der BUND Rhein-Sieg-Kreis ein. Als Kooperationspartner konnten der BUND Bundesarbeitskreis Wasser, der BUND Landesarbeitskreis Wasser sowie die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt Außenstelle West  gewonnen werden.

Dialog auf dem Wasser

Im Rahmen der Bereisung zwischen Bonn und Köln wurden verschiedene Aspekte und Fragestellungen zum Management des Niederrheins und seiner Auen anschaulich vorgestellt und beraten.

Bereits in den Grußworten wurde deutlich, dass ein großer Bedarf an dem Austausch bestehe. Paul Kröfges, BUND Rhein-Sieg Kreis (Foto), und Initiator der BUND Naturschutztage am Rhein verdeutlichte die Notwendigkeit der grenzübergreifenden Vernetzung und des akteursübergreifenden Austausches zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) im und am Fluss. Der Austausch mit der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung stelle insofern einen wichtigen Beitrag zur erfolgreichen Veranstaltungsreihe dar. Auch die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) begrüße den gemeinsamen Dialog.

Warten auf die  WRRL-Umsetzung

Vor Antritt der Exkursion informierte das Beratungsbüro des Wassernetzes zu den Anforderungen der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) und ihrer Umsetzung am Niederrhein. Die Teilnehmenden erfuhren, dass die Vorgaben des Gewässerschutzes nicht am Ufer des Flusses enden, sondern sich auch auf die Auen erstrecken. In diesem Bereich befinde sich das Grundwasser nahe an der Oberfläche und für mehrere wasserabhängige Natura 2000-, Natur- und Trinkwasserschutzgebiete müssen die Umweltziele eingehalten bzw. erreicht werden. Ohne die ökologische Aufwertung der Aue liesse sich zumal nicht die Qualität des Flusses kaum verbessern. Mit den Umsetzungsfahrplänen liegen seit dem Jahr 2012 detailiertere Konzepte dazu vor, wo WRRL-Maßnahmen im und am Rhein sich anbieten. Bei der Mehrheit der Vorhaben steht die Realisierung noch aus, obwohl die WRRL-Ziele generell bis 2015 hätten erfüllt sein müssen. Vielfach müsse noch geprüft werden, ob die Arbeiten überhaupt machbar seien. Oft fehle es bei Eigentümern und Nutzern an der Bereitschaft, Flächen für den Gewässerschutz zur Verfügung zu stellen. Mancherorts müssen Regelungen optimiert werden, um die erforderlichen Maßnahmen des Gewässerschutzes auf den Weg zu bringen. Beispielsweise könne in Verbotszonen für den Kiesabbau keine Nebenrinnen angelegt werden. Mit verschiedenen Eingriffen wie der beabsichtigten Rheinvertiefung für die Schifffahrt zeichne sich zugleich eine weitere Beeinträchtigung des ohnehin mäßig bis schlechten Zustands des Rheins in NRW ab. Die WRRL gäbe aber vor, dass einer Verschlechterung vorzubeugen sei. Im Bereich der Bundeswasserstraße sei insbesondere der Bund als Eigentümer gefragt, die Umweltziele des Gewässerschutzes zu berücksichtigen und mit umzusetzen. Eine wichtige Maßnahmen sei die ökologische Anpassung der Unterhaltung.

Auswege aus der Sohleintiefung

Die Sohleintiefung am Niederrhein betrage bis zu 1,50 Meter.  Dem versuche die WSV mit einer Geschiebezugabe zu begegnen. Diese Arbeiten seien allerdings kostenaufwendig. Eine laterale Erosion sei kaum noch möglich, u.a. seien in den urbanen Regionen die Ufer vermauert oder sonst wie festgelegt. Und Mosel, Main und anderer Nebenflüsse würden wegen der Stauregulierung auch kein Geschiebe mehr in den Rhein eintragen. Der Salzbergbau unter dem Rhein führe zu weiteren Absenkungen.

Zudem stellt sich die Frage, ob es sinnvoll sei, bei der Fahrrinne  mehr in die Breite zu gehen. Beispielsweise benötige man im Bereich von Bonn keinen Fahrweg, der auf mehrere 100 Meter Breite eine Tiefe von 2,80 m aufweist. Selbst in der Fahrrinne wären ökologische Maßnahmen punktuell möglich. Bezüglich des Zulassens von Verkolkungen bestehe weiterer Diskussionsbedarf.

Aus den Reihen der Naturschützer kam die Frage, ob die möglichen Geschiebemobilisierungsflächen überhaupt genutzt würden? Hierzu kam die Antwort, dass man die Potenziale an der Siegmündung nicht angerührt habe, weil dort „Unmengen an Altlasten“ liegen würden. Das sehr saubere Sediment solle nicht verunreinigt werden.

 

Mehr Perspektiven für die Auenentwicklung

Während der Bereisung wurde die Problematik der weiteren Bebauung verbliebener Auenflächen angesprochen. Entsprechende Eingriffe sind im Bereich der Sürther Aue und der Langeler Aue beabsichtigt, zumindest nicht ausgeschlossen. Aus Sicht der örtlichen Gewässeraktiven dürften diesbezüglich gemeinsame Anliegen zum Schutz dieser wertvollen Lebensräume bestehen.

Innerhalb der Wasserstraßenverwaltung bestehe durchaus die Sicht, dass jede Deichrückverlegung  dem Rhein nutze, weil dadurch die Erosionsneigung gebremst werde. Zu diesem Zweck könne sie aber vorsorglich keine Flächen binnenseitig von dem Leinpfad kaufen.

Aktive des ehrenamtlichen Gewässerschutzes  griffen diesen Satz auf und fragten, inwiefern es nicht doch kreativ-kooperative Ansätze gäbe, um mit der WRRL-Umsetzung am Rhein schneller als bisher weiter zu kommen? Eine Antwort lautete hierzu: Die Deichrückverlegungen müsse mit einer „intelligente Vorlandnutzung“ verbunden sein, um zu mächtige Auflandungen zu vermeiden.

Der Hinweis bezüglich der Auflandungen gab für manche Gewässerschützer das Stichwort, um auf die unzureichende Qualität von beabsichtigten Renaturierungsmaßnahmen in den Auen hinzuweisen. Mit der Anlage von Flutmulden werde nicht ausgeschlossen, dass die Feuchtgebiete weiterhin zu selten überschwemmt werden. Auflandungen werden als Konsequenz bleiben bzw. befördert. Damit einhergehend stellt sich die Frage, ob die gebietsweise favorisierte Anlage von Flutmulden die richtige Strategie sei. Anlehnend an die Stellungnahme von BUND, NABU und LNU NRW wurde angeregt, Nebengerinne anzulegen, die auch schon bei MQ (Mittelwasserführung) geflutet werden. Zwei NABU-Projekte am Niederrhein seien hierzu bereits geplant worden und finden sich nun in der Umsetzung. Wünschenswert wäre es nun, wenn an weiteren Orten ähnliche Vorhaben folgen würden.

Eine Limitierung müsse dabei auch gelöst werden: Durch eine Auenanbindung dürfe aus Sicht der WSV der Wasserstand in der Fahrrinne um nicht mehr als einen Zentimeter sinken. Bei einer weiteren Absenkung könne es gerade bei Niedrigwasser zu Problemen für die Schifffahrt kommen. Der Naturschutz gibt zu dieser Aussage zu bedenken: Die Aue brauche deutlich mehr Dynamik, um sie und ihre ökologisch wichtigen Funktionen zu sichern oder wieder herzustellen. Die angegebene Begrenzung sei zumal nicht nachvollziehbar.

Die Antwort zur Frage, inwiefern die konkreten Maßnahmenvorschläge aus den WRRL-Umsetzungsfahrplänen im Bereich von Wesseling und Langel Unterstützung finden bzw. umgesetzt werden könnten, nährte die Hoffnung, dass  der Verbleib von Totholz in den Auen seitens des WSV nicht mehr grundsätzlich abgelehnt werde.

Die Problematik der Rheinvertiefung blieb ein offener Diskussionspunkt. Alternativen zum Eingriff kamen zur Sprache. So bemerkte ein Beitragender, warum man nicht auf Schiffe mit geringerem Tiefgang setzen würde. Hierbei spielen wirtschaftliche Aspekte eine Rolle, so eine Antwort.

 

Flussverträgliche Unterhaltung

Als nächstes stand ein Kurzvortrag zur ökologisch orientierten Unterhaltung auf dem Programm der Rheinbereisung. Bei der Unterhaltung sei es für die WSV wichtig, dass Sichtzeichen auch tatsächlich sichtbar bleiben. Im Übrigen gelte aber, dass bei der Unterhaltung „den Belangen des Naturhaushalts Rechnung zu tragen“ sei. Ein Beispiel hierfür sei die Revitalisierung der Ufer bei Duisburg Rheinhausen. Dort habe man eine Entfernung der Steinschüttung über 100 m vorgenommen und die Ausbildung einer natürlichen Abbruchkante zugelassen. Die Maßnahmen werden mit den Bezirksregierungen abgestimmt – denn die Umsetzung  der WRRL sei Landessache.

Die Diskussion kaum auch auf die rheinischen Fischschutzgebiete zu sprechen. Dort würde es keinen Maßnahmenkatalog geben. Dem folgte die Frage eines engagierten Gewässerschützers: „Woher weiß man in der WSV, was dort an ökologischer Unterhaltung adäquat wäre?“

 

Fallbeispiel Flittarder Aue

Bei der Vorbeifahrt an der Flittarder  Rheinaue  wurde die Frage diskutiert, ob man die Schifffahrtszeichen nicht weiter nach vorn ziehen könne und so Schneisen m Gehölz schließen könne. Damit würde zugleich ein Beitrag zur Besucherlenkung in der intensiv genutzten Aue geleistet. Die Antwort:  Bei einem späterhin kommenden durchgängigen GPS-Einsatz könne man vielleicht auf einige Schilder verzichten.

Den Vorschlag, Steinschüttungen in den Buhnenfeldern wegzunehmen werde man als Anregung mitnehmen.

Welche aktuellen Ansatzpunkte könne es konzeptionell geben, um von WSV-Seite aus Orte wie an der Flittarder Aue ökologisch aufzuwerten? Relevant sind Leitfäden, die in Form von Erlassen eingeführt werden und insofern verbindlichen Charakter haben. Im Hinblick auf den Leitfaden aus dem Bundesverkehrsministerium zur ökologisch orientierten Unterhaltung machte ein Teilnehmer den Vorschlag, die Naturschutzverbände einzubeziehen, wenn es gilt, Unterhaltungspläne aufzustellen oder zu überarbeiten. Können die Naturschutzverbände ihre fachlichen Gedanken damit einpflegen? Die Antwort: Das werden wir mit den Kollegen bereden. Bisher finden regelmäßige Gespräche zwischen WSV und den zuständigen Naturschutzbehörden bzgl. der Unterhaltung ökologisch sensibler Bereiche des Rheins statt.

 

Blaues Band in Arbeit

Die Absicht, ein Bundesprogramm für die Biotopvernetzung an Bundeswasserstraßen auf den Weg zu bringen, sei im Koalitionsvertrag verankert. Noch einzurichten sei ein Beirat mit VertreterInnen aus Ländern, Umweltverbänden und andere NGOs.

Bei den möglichen Renaturierungsmöglichkeiten habe man auch den angrenzenden Auenzustand in die Bewertung mit einbezogen, weil das „Blaue Band“ auch  die laterale Durchgängigkeit anstrebe. Auf Nachfrage wurde geklärt, dass bei zukünftigen Maßnahnmen die gesamte Aue Berücksichtigung fände, auch wenn sich die bisherigen Untersuchungen auf einen nur 100 m breiten Streifen konzentrierten.

Klärungsbedürftig sei u.a. die Frage, welche Kosten in welchen Zeiträumen entstehen werden. Für das Kernnetz wie dem Niederrhein habe man ökologische Trittsteine im Fokus.

Zielsetzung des „Blauen Bands“ sei nicht die Umsetzung der WRRL durch die WSV. Sie werde aber diese unterstützen.

Bei der Realisierung wolle man zur Akzeptanzfindung Runde Tische und die erprobten Art. 14-Partizipationsbausteine anwenden.

Für die Entwicklung der Auen würde ein gesondertes Programm aufgelegt, welches vom Bundesamt für Naturschutz betreut würde.

Seitens der Naturschutzverbände stelle sich die Frage, ob mit dem anvisierten überschaubaren Budget genügend Projekte in der Fläche umgesetzt bzw. angeschoben werden können. Ohnehin sei der Umsetzungszeitraum von mehr als 30 Jahren zu lang.

Andererseits wurde seitens der Naturschutzverbände hervorgehoben, dass die Einrichtung dieses Programms ein wichtiger positiver Schritt des Bundes zur Beförderung des Biotopverbundes an den Gewässern sei. Es nur zu kritisieren, wäre auch nicht angemessen.

Danksagung

Die Organisationsleitung des BUND bedankt sich bei den Mitarbeiter*innen der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt Außenstelle West für die Schiffsbereisung und den informativen Vorträgen. Ferner waren die Beiträge des ehrenamtlichen Gewässerschutzes hilfreich.

Zudem sei an dieser Stelle Nik Geiler vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz für seine Aufzeichnungen gedankt. Die Wassernetzredaktion empfiehlt den Bezug der BBU-Wasser-Rundbriefe.