Mehr Raum für die Nethe?

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Am 27.August 2016 hat der BUND Höxter gemeinsam mit Aktiven des Wassernetzes NRW die Nethe zwischen dem Ort Brakel und der Mündung in die Weser bei Höxter-Godelheim bereist. Die Teilnehmenden waren sich darin einig, dass an diesem Mittelgebirgsfluss  die Ziele des Naturschutzes, der EG- Wasserrahmenrichtlinie und des Hochwasserrisikomanagements gemeinsam befördert werden können. Das setzt allerdings voraus, dass die Nutzer und die zuständigen Stellen der  weitgehend in FFH-Gebieten gelegenen Nethe mehr Raum geben. Auch die Beteiligung des ehrenamtlichen Naturschutzes bei den Maßnahmenplanungen vor Ort lässt noch auf sich warten.

Ein festgelegter Fluss

Die Gewässeraktiven konnten am Anfang ihrer Exkursion ein wesentliches Problem der Nethe ausmachen, welches sie auf dem weiteren Verlauf bis zur Mündung begleitete: Das Fließgewässer ist durch Uferbau an vielen Stellen festgelegt. Diese Regulierung  dient vor allem der landwirtschaftlichen Nutzung, die sich in den Auen und den Umfeld zunehmend von Grünlandbewirtschaftung hin zum intensiven Ackerbau mit Fokus auf Maiskulturen entwickelt. Die Nutzung erfolgt abschnittsweise bis zur Böschungsoberkante und an einigen Orten auch darüber hinaus. Dadurch bestehen derzeit auch kaum Möglichkeiten, dass sich ein breiter Gehölzsaum oder Auwald entwickeln kann oder genügend Totholz zur Verfügung steht. Weitere Restriktionen an den Ufern der Nethe ergeben sich durch die Wege, die noch zu WRRL-Zeiten für den Wirtschafts- und Freizeitverkehr asphaltiert worden sind. Der Fluss hat sich mittlerweile eingegraben, auch weil er nicht mehr so leicht ausufern sowie Schotter oder weiteres Geschiebe mitnehmen kann.  Er verliert den Anschluss an die Aue. Besonders deutlich zeigte sich dieses Problem am Unterlauf, wo der Abstand zur Böschungsoberkante mehr als 3 Meter beträgt. Hinzu kommen noch mehrere Stauwehre oder weitere enge Durchlässe, wie etwa die Bahnquerung bei Ottbergen oder die Brücke bei Amelunxen. Ob die Durchgängigkeit an den bereits angelegten Fischpässen wie an dem Querbauwerk nahe Bruchhausen nachweislich hergestellt ist, konnten die Gewässeraktiven nicht nachprüfen. Mit den strukturellen Defiziten gehen den Wasser-Bewohnern wie der Steinfliegenlarve oder der Äsche wichtige Lebensräume verloren. Die unbefriedigende Situation der Fische und des allenfalls mäßigen Bestandes an typischen Gewässerbodentieren bestätigt diese Herausforderungen, weshalb die Nethe auch im Jahr 2016 keinen guten ökologischen  Zustand in dem besuchten Abschnitt aufweist. Eine umfassende Strukturgütekartierung, welche unser ehrenamtlicher Wassernetz-Ansprechpartner für die Weser im Jahr 2015 für die Nethe durchführte, belegt, dass es dem gesamten Fluss an mehr als 70% seiner Strecke an Platz in Form von nutzungsfreien Gewässerrändern fehlt. Nur an bis zu 5% seines Verlaufs findet sich noch an einer Seite Auwald.  Bis zu 35% seiner Uferlänge ist durch Steinschüttungen festgelegt.

Weitere Defizite

Während der Bereisung zeigten sich weitere Auffälligkeiten: Die Nethe fließt wegen mehrerer Stauungen und engen Durchlässen an vielen Abschnitten langsam. Der Sohle fehlt es an einer Vielfalt an flachen und tiefen Stellen. Das Substrat ist zum Teil mit Algenbewuchs verfilzt und auch die Trübung des Wassers deutet auf übermäßige Feinsediment- und Nährstoffeinträge hin. Bekannt ist, dass  Drainagen von einigen Ackerflächen in den Fluss geführt werden. Aktuelle Untersuchungen des Landes weisen auf Eutrophierungen hin und bestätigen eine Verschlechterung der Gewässergüte. Beispielsweise sind die Konzentrationen an Gesamtphosphat erhöht und die Situation der Bodenvegetation auffällig. Außerdem sichteten die Teilnehmenden westlich von Ottbergen einen hohen Bestand an Rotfedern, der wahrscheinlich auf einen Besatz zurückzuführen ist. An den Ufern wachsen vielerorts standortuntypische Pflanzen, darunter auch Neophyten wie das drüsige Springkraut. Als ein weiteres Problem stellt sich die teils defizitäre Wasserführung dar, die sich durch ein geplantes Pumpspeicherkraftwerk bei Amelunxen weiter verschärfen dürfte.  Für den Betrieb der Anlage soll auch Wasser aus der Nethe entnommen werden. Die Gewässeraktiven sehen mit diesem Vorhaben die Gefahr, dass gegen das Verschlechterungsverbot der WRRL verstoßen wird.  Auch der geplante Neubau einer Bundesstraße quer durch die  Auenlandschaft westlich von Godelheim läuft aus ihrer Sicht den EU-weiten Umweltvorgaben zuwider.

Chancen für die Nethe?

Im Rahmen der Anhörung zur WRRL-Bewirtschaftungsplanung 2015- 2021 haben die Ortsaktiven zusammen mit dem Wassernetz erreichen können, dass  Maßnahmen zur ökologischen Entwicklung der Netheauen umgesetzt werden sollen. An zwei Stellen besteht aktuell die Gelegenheit, diese Arbeiten auf den Weg zu bringen. Bei Brakel-Hembsen finden die Planungen zur Aufweitung und Neutrassierung des Flusses statt. Dieses Vorhaben soll das dort vorhandene Hochwasserschadensrisiko im Ort reduzieren. Aus Sicht der Gewässeraktiven ließen sich mit einer gleichzeitigen Auenanbindung auch die Ziele der WRRL und der FFH-Richtlinie  erreichen. Dafür könnten noch bestehende Flutmulden an der unverbauten Uferseite genutzt und angeschlossen werden. Gemäß den Anforderungen aus dem Hochwasserrisikomanagement ist ohnehin eine Anpassung der intensiven Landwirtschaft in den Netheauen vorgesehen. Eine weitere Option bietet sich für den Fluss zwischen Ottbergen und Amelunxen. Hier könnte bei einer beabsichtigten Renaturierungsmaßnahme in einem Naturschutzgebiet zugleich mehr Raum für die Fluss- und Auenentwicklung entstehen. Beispielsweise könnte durch die Beseitigung eines Uferverbaus ein Nebenarm entstehen. Zusätzlich wäre durch die Anpassung einer Brücke der Platz vorhanden, um die Nethe mehr zum Schlängeln zu bringen.

Öffentlichkeitsbeteiligung und Strahlwirkung sicherstellen

Die Teilnehmenden stellten fest, dass bei der Ausarbeitung und Durchführung der Maßnahmen des Umsetzungsfahrplans derzeit Beteiligungsmöglichkeiten fehlen. Unklar bleibt bisher, was wann wo durch wen umgesetzt wird. Ein Optimierungsbedarf besteht auch an den grundlegenden Arbeiten des Umsetzungsfahrplans: Die Abfolge der Strahlursprünge, in denen eine weitgehende naturnahe Entwicklung der Nethe und ihrer Auen sichergestellt werden soll, ist viel zu lückenhaft, um den Zielen der WRRL genüge tragen zu können. Auch dem Naturschutz dürften diese Planungen nicht umfassend dienen. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass selbst für die lokalen FFH-Gebiete die erforderlichen Maßnahmenkonzepte entweder noch nicht erstellt sind, oder im Internet auf ihre Veröffentlichung warten. Damit einhergehend fehlen der Öffentlichkeit weitere wichtige Detailinformationen für die Gewässerentwicklung.

Die Aktiven des BUND Höxter werden sich weiterhin dafür einsetzen, dass die WRRL-Umsetzung vor Ort fachlich, transparent wie partizipativ entsprechend den EU-Anforderungen erfolgt.