Aktiv gegen Verockerung und Kampfgifte

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Am 16.8.2016 besuchte das Wassernetz NRW auf Einladung des BUND Bergheim den Türnicher Mühlengraben und sein Einzugsgebiet in Kerpen. Angesichts der fruchtbaren Böden ist die Region deutlich landwirtschaftlich geprägt. Zugleich fallen dort die „Roten Wässer“ auf, eine Altlast des ehemaligen Braunkohletagebaus in der Berrenrather Börde. Ferner lagern in der verfüllten Abgrabungsstätte gefährliche Kampfstoffe.  Die Umwelt-Aktiven ermittelten weitere Stellen, an denen für den Gewässerschutz noch gehandelt werden muss.

 

Handlungsbedarf am Türnicher Mühlengraben

Die Gewässeraktiven begannen ihre Bereisung am Türnicher Mühlengraben, der u.a. für die Bewässerung des Schloßgrabens genutzt wird und früher auch den Betrieb einer Mühle sicherstellte. In seinem Einzugsgebiet findet eine zum Teil intensive landwirtschaftliche Nutzung statt. Das Gewässer ist stark eingegraben und geradlinig. Die starke Trübung des Wassers und der ergiebige Uferbewuchs mit Brennnesseln weist auf zu hohe Einträge an Nährstoffen und Feinsedimenten hin. Abschnittsweise lässt sich eine intensive Gewässerunterhaltung erkennen, die kaum noch Kleinstlebensräume für Pflanzen und Tiere zulässt. In Zeiten der EG-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) und der Blauen Richtlinie - einem landeseigenen Handlungskonzept für die Gewässer - sollten diese Defizite längst der Vergangenheit angehören. In dem benachbarten Erftflutkanal zeugen Schaumbildungen ebenfalls von Verunreinigungen. Ortskundigen fällt auf, dass diese Belastungen vor allem sonntags und montags auftreten und vermutlich aus dem Oberlauf stammen. Innerhalb der kommenden Jahre dürfte sich zumindest bei einigen der ermittelten Probleme eine Besserung einstellen, sofern die zuständigen Behörden und der Erftverband ihre Planungen konsequent umsetzen. Es ist unter anderem vorgesehen, den Türnicher Mühlengraben aufzuweiten, sein Ufer abzuflachen und ökologisch aufzuwerten. Münden soll er zukünftig in der kleinen Erft. Die Gewässeraktiven unterstützen die Arbeiten. Mit den Vorbereitungen sollte zügig begonnen werden. Hilfreich wäre es, wenn im Rahmen des Gebietskooperationstreffens über den Sachstand berichtet würde. Ein Termin steht für dieses Jahr noch aus.

Problematik Verockerung und Schwermetallbelastung

Noch kritischer stellt sich derzeit die Situation an den Roten Wässern dar, die rund um die Berrenrather Börde austreten und zum Türnicher Mühlengraben geführt werden. Das Wasser ist auf der gesamten Strecke mehr oder weniger orange und weist insofern eine starke Belastung mit Eisen (III) -oxidhydrate („Eisenocker“) auf. Diese Problematik ist auf die Verwitterung der pyrithaltigen Böden zurückzuführen: Durch die Umlagerung des pyrithaltigen Materials im Zuge der Tagebautätigkeit wird dieses Material belüftet und in feuchtem Zustand und in Gegenwart eines Luft-Sauerstoff-Gemisches oxidiert. Über einige Reaktionsschritte bildet sich Schwefelsäure. Wenn das Kippenmaterial keine ausreichende Pufferwirkung hat – wie in der Berrenrather Börde – führt die Pyritoxidation zu sehr sauren Kippenwässern, die ihrerseits geogen vorhandene Schwermetalle mobilisieren können. Das ist die Ursache für die Freisetzung von Nickel, Arsen, Cobalt, Nickel oder Zinn.

In Verbindung mit dem Grundwasseranstieg bzw. mit dem Niederschlag findet der Austritt der belasteten sauren Kippenwässer am Rand der Börde statt und führt zu einer Belastung der Oberflächenwässer. Das Eisen ist nur der sichtbare Teil und weist auf das Phänomen hin. Angesichts der vor Ort beobachteten Konzentrationen verwunderte es die Aktiven nicht, dass sich in den Gewässern kaum Leben befindet.
Dazu kommen weitere Probleme wie etwa ein unsachgemäßer Umgang mit den ausgebaggerten Ockerschlämmen, die entgegen der Zusicherung der Behörden ungesichert zwischengelagert werden. Es steht zu befürchten, dass die trockenen Schlammablagerungen durch Wind verweht werden und somit auch die im Schlamm enthaltenen Schwermetalle.

Problematik Munitionsgifte

Hinzu kommt eine weitere Altlast: In dem ehemaligen Tagebaugebiet wurden bis in die 1960er Jahre hinein gefährliche Munition wie diejenige aus den Weltkriegen entsorgt. Bisher fehlt ein öffentlich zugänglicher Nachweis, dass zur damaligen Zeit noch aktuell die Kippe in der Form gesichert ist, dass aus ihr keine Giftstoffe entweichen können. Es steht eine Auskunft zur Frage aus, inwiefern bereits Substanzen freigesetzt wurden. Ferner ist noch nicht geklärt, ob das im Grundwasserkörper nachgewiesene Arsen ausschließlich aus der Pyritverwitterung stammt und nicht zusätzlich aus den Abbauprodukten von Kampfmitteln wie Clark (Blaukreuz), die Arsenverbindungen enthalten. Es ist zu befürchten, dass auch die benachbarten Seen in der Ville betroffen sind.

Weitere Beanstandungen ermittelt

Den Gewässeraktiven fielen bei ihrer Bereisung weitere Probleme rundum Türnich auf. Abfälle wie Farbreste wurden in Nähe von Feuchtgebieten illegal entsorgt. Standortuntypische Tannenbaumkulturen sind unweit von Gewässern angelegt.

BUND und Wassernetz aktiv

Der BUND Kerpen und das Wassernetz NRW haben im vergangenen Jahr die Behörden auf die Problematik der Verockerung und möglicher Gefährdungen durch Kampfmittel-Gifte hingewiesen. Die Aktiven haben angeregt, dass hierzu Untersuchungen erfolgen und auf dieser Grundlage weitere Maßnahmen auf den Weg gebracht werden. Die Gewässerschützer erhielten zwischenzeitlich eine Antwort: Die Behörden versicherten, sich längst der Problematik angenommen und Untersuchungen durchgeführt zu haben. Auf Grundlage ihrer Befunde bestehe kein zusätzlicher Handlungsbedarf. Mit dieser Antwort stellt sich zugleich die Frage, warum beispielsweise die konkreten Untersuchungsergebnisse zu den Munitionsbelastungen der Gewässer nicht öffentlich vorgelegt werden. Unverständlich bleibt in diesem Zusammenhang, warum selbst die einzelnen Befunde der örtlichen Grundwassermessungen nicht öffentlich zugänglich sind. Der Status Quo der Ocker-Verunreinigung wird zudem belassen. Ferner decken sich wesentliche Aussagen nicht mit den aktuellen Beobachtungen der Gewässerschützer: Weder gelangen alle ausgebaggerten Ocker-Schlämme direkt zur Deponie, noch führen die roten Wässer nur im Winter genügend Wasser über das Becken in Türnich nahe der B 264 hinaus.
Der BUND Kerpen und BUND Bergheim sind weiter aktiv, damit die offenen Fragen zu den Verunreinigungen geklärt werden und der Gewässerschutz wirksamer zum Zuge kommt. Eine weitere Anfrage zu den konkreten Messergebnissen wurde bereits im Juli nachgelegt. Wichtig ist zudem, dass an der Verunreinigungsquelle selbst mehr geschehen müsse (z.B. Sammlung und Reinigung des belasteten Wassers, Detektion der Kampfstoffe und darauf aufbauend weitere Maßnahmen zur Sicherung). Sinnvoll wäre, zur Problematik eine Sondersitzung bzw. Arbeitsgruppe bei der zuständigen Behörde einzurichten, an der die Umweltverbände mitwirken können